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76756 Bellheim
Manchmal beginnt ein Projekt nicht mit einem Auftrag, sondern mit einem Gedanken, der sich festsetzt. Bei mir war es ein Ort im Bellheimer Wald – und die Frage, wie man Geschichte so erzählen kann, dass sie nicht nur nachzulesen ist, sondern wieder „da“ ist. Sichtbar. Greifbar. Erlebbar.
Schloss Friedrichsbühl stand einst mitten im Wald. Ein Jagd- und Lustschloss der Renaissance, gebaut für repräsentative Aufenthalte, später zerstört, schließlich verschwunden. Vom Schloss selbst sind heute im Gelände vor allem noch der Wassergraben und wenige Spuren erkennbar. Was geblieben ist: das steinerne Portal – als Original im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Und genau dort begann die kreative Arbeit.
Mir ging es nie darum, eine „Fälschung“ zu schaffen. Im Gegenteil: Der Gedanke war, eine historische Replik zu entwickeln – als bewusstes, transparentes Nachbild, das vor Ort im Wald wieder einen Bezug herstellt. Das Original bleibt geschützt im Museum. Aber die Geschichte bekommt am Ursprungsort wieder eine Form.
Kopien haben in der Kulturgeschichte viele Rollen gespielt: Täuschung, Schutz, Absicherung, Bewahrung. In diesem Fall ist die Replik vor allem eines: eine Möglichkeit, etwas zurück in die Landschaft zu bringen, das sonst nur fern, hinter Mauern oder in Texten existiert.
Das Portal ist groß, detailreich und historisch gewachsen – eine Oberfläche voller Spuren. Der 3D-Scan war deshalb kein „Technik-Gag“, sondern eine Form des genauen Hinschauens: Linien, Kanten, Beschädigungen, Ornamente – alles wurde millimetergenau erfasst. Aus den Daten entstand ein hochauflösendes 3D-Modell, quasi der digitale Fingerabdruck des Originals.
Für mich war das ein spannender Moment: Ein historisches Objekt wird durch digitale Mittel nicht entzaubert, sondern auf neue Weise erfahrbar. Man sieht Details, die man mit dem bloßen Blick leicht übersieht – und man kann mit dem Modell kreativ weiterarbeiten, ohne dem Original zu schaden.
Ein Scan allein baut noch nichts. Der entscheidende kreative Schritt war die Übersetzung:
Aus einem „ganzen“ Portal musste ein System aus Teilen werden, das sich fertigen, montieren und später wieder transportieren lässt.
Das bedeutete: Segmentieren, planen, Verbindungen denken. Zapfen als eigenständige Elemente. Große Bögen so teilen, dass sie einer CNC-Fräse zugänglich sind – und sich später trotzdem wieder sauber zusammenfügen lassen. Es ging um Präzision, aber auch um Gestaltung: Wie bleiben Fugen unauffällig? Wie wirkt das Gesamtbild am Ende ruhig und „aus einem Guss“?
Die Umsetzung entstand in enger Zusammenarbeit mit der Schreinerei Kraus aus Bellheim. Die Kombination aus digitaler Vorbereitung und handwerklichem Wissen war entscheidend: CNC kann extrem präzise sein – aber Material, Spanntechnik, Werkzeugwahl, Oberflächen und Verbindungspunkte brauchen Erfahrung.
In der Testphase wurden Probestücke gefertigt, Frässtrategien angepasst und Details iterativ verbessert. Genau das macht solche Projekte besonders: Man arbeitet nicht nach Standardlösung, sondern tastet sich Schritt für Schritt an die beste Lösung heran. Es ist ein Prozess, der Technik verlangt – aber vor allem Aufmerksamkeit, Geduld und Lust am „Problem lösen“.
Als das Portal zum ersten Mal vollständig montiert in der Werkstatt stand, offenbarte sich die ganze Dimension des Bauwerks. Was bis dahin nur als 3D-Modell, Plan und Vorstellung existiert hatte, war plötzlich Realität.
Nach der Probe-Montage folgte die Oberflächenbehandlung: Das Holz wurde mehrfach mit einer umweltfreundlichen Lasur gestrichen – als Schutz vor Verwitterung und um dem Material einen Ton zu geben, der sich am steinernen Original orientiert. So wirkt die Replik nicht wie „neu gebaut“, sondern bekommt einen Charakter, der dem historischen Vorbild näherkommt.
Danach wurde wieder zerlegt – diesmal für den Transport und die Montage vor Ort. Millimeterarbeit, Planung, Reihenfolge, Sicherung: Der letzte Weg in den Wald war logistisch die finale Etappe.
Neben der physischen Rekonstruktion war mir wichtig, auch das Schloss selbst „zurück in die Vorstellung“ zu holen. Denn das Portal war Teil eines größeren Bauwerks – und dieses Bauwerk existiert heute nicht mehr.
Über eine AR-Anwendung kann man vor Ort eine virtuelle Darstellung von Schloss Friedrichsbühl ansehen. Wichtig: Das ist keine gesicherte 1:1-Wiedergabe. Es gibt keine überlieferten Pläne oder Zeichnungen. Die Rekonstruktion ist eine mögliche Darstellung, abgeleitet aus historischen Reparaturlisten, Aufzeichnungen aus der Zeit und den bekannten Stilmerkmalen der Renaissance. Eine Einladung, sich den Ort wieder vorzustellen – und Geschichte als Raum zu erleben.
Ich bin dankbar, dass dieses Projekt durch die Gemeinde Bellheim und eine LEADER-Förderung ermöglicht wurde – und für die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten, besonders mit der Schreinerei Kraus und dem Historischen Museum der Pfalz, die den Scan und die Vorbereitung unterstützt haben.
Für mich ist dieses Portal nicht „nur“ ein Objekt. Es ist ein Beispiel dafür, wie man mit Gestaltung, Technik und Erzählung Geschichte wieder in die Landschaft holt. Ohne zu behaupten, man könne die Vergangenheit exakt zurückholen – aber mit dem Anspruch, sie wieder sichtbar zu machen.
Eine Filmdokumentation über die Entstehung des Portals ist ebenfalls in Arbeit.
